Grief is the price of love.
Wenn mit einem Tier nicht „nur ein Tier“ stirbt – sondern Familie, Alltag, Sicherheit und … ein Stück von uns

„Es war doch nur eine Katze.“
Es gibt Sätze, die ein trauernder Katzenhalter niemals hören sollte.
Fast noch schlimmer: „Du kannst dir doch wieder eine holen.“ Solche Sätze sind vielleicht nicht böse gemeint, aber am Ergebnis, d. h. an der Wirkung, ändert es nichts. Sie verletzen den trauernden Menschen zusätzlich, denn sie zeugen von Unverständnis und negieren den so großen Schmerz und die untröstliche Trauer – vor allem dann, wenn diese Worte auch noch von nahestehenden Menschen kommen.
Denn wenn wir unsere geliebte Katze verlieren, trauern wir nicht um eine austauschbare Spezies, sondern um einen geliebten tierischen Weggefährten, um dieses eine Wesen mit diesem besonderen Blick. Dieses Geräusch. Diesen Geruch. Unsere geheimen Rituale. Diese eine besondere Persönlichkeit, die den Alltag mit uns geteilt hat und irgendwann so selbstverständlich zu unserem Leben gehörte, dass wir kaum noch bemerkt haben, wie viele kleine Teile unseres Tages an ihr hingen.
Wir trauern um eine Beziehung. Und vielleicht müssen wir genau dort anfangen, wenn wir über Pet Loss Syndrome sprechen: nicht nur mit der Frage, ob ein Mensch nach dem Tod eines Tieres „so intensiv“ trauern darf/sollte/kann, sondern mit der Erkenntnis, dass dort, wo tiefe Bindung war, auch Trauer entsteht.
Wir trauern schließlich nicht um ETWAS, sondern um JEMANDEN!
„PET LOSS SYNDROME“ ist der international verbreitete Begriff für die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Haustieres. Dabei geht es nicht um einen medizinischen Begriff oder eine Diagnose, sondern beschreibt das Erleben der trauernden Menschen. Der Verlust kann durch Tod entstehen, aber auch durch Verschwinden, eine notwendige Trennung oder eine Situation, in der ein Tier aus dem eigenen Leben gerissen wird.
Schon vor dem Tod kann eine sogenannte antizipatorische Trauer beginnen, wenn wir z. B. wissen oder ahnen, dass unsere verbleibende gemeinsame Zeit begrenzt ist. Vor allem bei alten oder chronisch kranken Katzen beginnt der Abschied manchmal lange vor dem eigentlichen Tod. Wir beobachten jede kleine Veränderung, wägen Behandlungen ab, zählen gute und schlechte Tage und leben gleichzeitig mit Hoffnung und mit der Angst vor dem, was kommen wird. Fürsorge, Erschöpfung, Liebe und die Angst vor dem Verlust können dabei lange nebeneinander existieren.
Mit Pet Loss Syndrome wird vor allem die Gesamtheit starker seelischer, körperlicher und sozialer Reaktionen beschrieben, die ein solcher Verlust auslösen kann. Ich benutze den Begriff hier nicht, um normale Trauer krank zu reden. Im Gegenteil. Der Begriff gibt einem realen Erleben einen Namen, das viel zu lange kleingeredet und auch mit Scham belegt wurde.
Nicht jeder Mensch trauert gleich. Manche können nach einiger Zeit wieder gut am Leben teilnehmen. Andere brauchen Monate oder Jahre. Bei manchen bleibt die Trauer immer irgendwo im Hintergrund und bei wieder anderen reißt sie auch immer wieder auf. Und manchmal wird der Verlust so schwer, dass Alltag, Schlaf, Arbeit oder die eigene psychische Stabilität massiv darunter leiden.
Trauer ist so individuell wie wir Menschen und die Beziehungen, die wir eingehen. Und aus meiner Sicht ist es die Bindung und Nähe, die die Intensität der Trauer am meisten beeinflusst.
Woher kommt der Begriff?
Seit den 70ern scheint sich die Wissenschaft mehr mit schwerer Trauer nach dem Tod eines Tieres zu beschäftigen. Unterschiedliche Länder wählen hierbei unterschiedliche Begriffe und wer mich kennt, weiß, dass Wording für mich nicht nebensächlich ist, sondern ich den Standpunkt vertrete, dass es eine innere Haltung widerspiegelt und eine sehr starke Wirkung hat. Sprache beschreibt nicht nur Wirklichkeit – sie gestaltet und erschafft sie mit.
Und manchmal kann man an einem neuen Wort sehen, dass sich gerade die zugrunde liegende Vorstellung verändert.
Trauer hat viele Gesichter
Menschen berichten nach dem Verlust unter anderem von:
- tiefer Traurigkeit, Sehnsucht und häufigem Weinen
- innerer Leere oder emotionaler Taubheit
- Schlafproblemen, verändertem Appetit und körperlicher Erschöpfung
- Angst, Unruhe, Konzentrationsproblemen oder verminderter Arbeitsfähigkeit
- Wut – auf die Krankheit, auf Tierärzte, auf sich selbst, auf das Leben
- Schuld- und Schamgefühlen
- ständigem Grübeln über die letzten Stunden, Tage oder medizinischen Entscheidungen
- dem automatischen Suchen nach dem Tier in vertrauten Situationen
- sozialem Rückzug, gerade wenn das Umfeld die Trauer nicht versteht
- dem Gefühl, dass nicht nur jemand fehlt, sondern ein ganzer Teil des eigenen Alltags und der eigenen Identität.
Gerade die Alltäglichkeit der Beziehung macht den Verlust so unerträglich, weil allgegenwärtig. Die Wohnung ist dieselbe – aber nichts ist mehr wie vorher. Der Napf steht da. Die Medikamente liegen noch im Schrank. Wir wachen auf und gehen automatisch in unsere Routine … unsere Augen, Nase und unsere Hände suchen und unser Herz möchte so viel geben … doch sie ist nicht mehr da. Unsere Liebe ist heimatlos geworden, denn sie kann nirgendwo mehr hin und dieser Schmerz hat für einige Ähnlichkeit mit dem schlimmsten Liebeskummer…
Verlust der Aufgabe und der Rolle/Identität
Manchmal verlieren wir durch den Verlust auch unsere Rolle, gewissermaßen auch Identität, die uns durch diese Beziehung zugeteilt war. Vielleicht waren wir Katzeneltern auch lange Zeit Pflegeperson, Bodyguard oder einfach der wichtigste Mensch oder sogar einziger Sozialpartner dieses Wesens. Und plötzlich werden wir nicht mehr gebraucht. Gerade nach langer Krankheit oder intensiver Pflege kann das eine zusätzliche Leere hinterlassen, über die kaum gesprochen wird. Denn mit dem Tod verschwindet nicht nur ein Gegenüber. Manchmal fällt auch eine Aufgabe weg, die unseren Alltag strukturiert hat – und mit ihr ein Teil unserer eigenen Identität.
Trauer braucht keine Erlaubnis!
Für mich bedarf es keiner Studie, damit ein Mensch seinen Schmerz und sein Recht zu trauern „belegen“ kann. Aber Studien werden dann wichtig, wenn gesellschaftlich immer noch so getan wird, als sei Trauer um Tiere eine Überreaktion oder gar ein Zeichen emotionaler Unreife. Studien und Forschung können u. a. auch zeigen, wie tief ein solcher Verlust unmittelbar in unser psychisches und körperliches Erleben eingreifen kann. Und sie machen deutlich, warum das gesellschaftliche Herunterspielen nicht haltbar ist.
In einer Studie erfüllten 7,5 % der befragten Menschen, die ein Tier verloren hatten, die Kriterien für eine wahrscheinliche anhaltende Trauerstörung nach dem verwendeten Messmodell. Eine anhaltende Trauerstörung ist in der ICD-11 eine offizielle Diagnose mit dem Code 6B42, aber schließt Trauer um ein geliebtes Tier aus.
Und wieder fühle ich mich wie das dümmste Kind im Klassenzimmer, das nicht versteht, warum die Signifikanz oder der Wert der Trauer davon abhängen soll, ob es sich dabei um den Verlust eines menschlichen oder tierischen Familienmitglieds handelt.
Ich verstehe, dass nicht jeder Verlust gleich ist. So wie nicht jeder Mensch gleich trauert. Aber die Vorstellung, dass Trauer automatisch kleiner sein müsse, nur weil das verstorbene Gegenüber kein Mensch war, lässt sich wissenschaftlich doch nicht wirklich halten. Nicht die Spezies entscheidet über die Größe des Verlustes. Und erst recht nicht andere Menschen oder die Wissenschaft. Darüber entscheidet nur der Trauernde selbst und die Beziehung zu dem Tier, die dieser Mensch verloren hat.
Eine koreanische Fachveröffentlichung von 2015 beschreibt Companion Animals ausdrücklich als Familienmitglieder und enge Freunde. Denn so erleben es viele Menschen: Unsere Katze ist nicht einfach nur „da“. Sie gehört zu uns, sie wartet, sie reagiert, sie kennt unsere Routinen und bemerkt fast immer, dass etwas nicht stimmt, bevor Menschen in unserem Umfeld es tun. Und wir wiederum kennen irgendwann jede Bewegung, jeden Blick, jedes Geräusch dieses kleinen Individuums. Wenn ich also in meiner Arbeit von Katzeneltern und Katzenkindern spreche, dann meine ich damit nicht, dass eine Katze ein Menschenkind wäre, sondern dieser Begriff soll ihre Abhängigkeit von uns ausdrücken und unterstreichen und damit auch unsere Verantwortung ihr gegenüber.
Es hat nichts mit Vermenschlichung zu tun, Katzen als Familienmitglieder anzusehen.
Unsere Katze wird nicht über ein Label zum Familienmitglied und auch nicht nur, weil wir ihr irgendwann diesen „Wert“/Platz/Rolle in unserem Herzen und Priorität in unserem Leben geben, sondern durch eine Beziehung/Bindung, die über einen langen Zeitraum gewachsen ist. Durch Alltag, Nähe, Verlässlichkeit, Fürsorge, Verantwortungsbewusstsein, Berührung, Rituale und all die tausend kleinen Dinge, aus denen gemeinsames Leben besteht.
Verantwortung & Schuldgefühle
Die Beziehung zu einem tierischen Familienmitglied enthält etwas, das Trauer zusätzlich komplizieren kann: Verantwortung, die aber nicht erst in den letzten Stunden beginnt.
Als verantwortungsvolle, fürsorgliche, achtsame und liebevolle Katzenhalter beobachten wir, ob sie anders läuft, atmet, frisst oder sich anders verhält. Und wir müssen manchmal Entscheidungen treffen, die dieses Wesen selbst nicht für sich treffen kann. Wir entscheiden über Futter, Diagnostik, Medikamente, Operationen, Pflege und Lebensqualität. Wir müssen Symptome einordnen, obwohl wir nie hundertprozentig wissen können, wie sich unser Tier tatsächlich fühlt. Das ist eine große Verantwortung.
Und manchmal müssen wir am Ende sogar über den Zeitpunkt und das Wie des Sterbens entscheiden.
Genau daraus entstehen Fragen, die einen Menschen nach dem Tod regelrecht zerfressen können:
- War es zu früh? War es zu spät?
- Habe ich etwas übersehen?
- Hätte eine andere Klinik noch helfen können?
- Hat meine Katze Schmerzen gehabt?
- Hatte sie Angst?
- Hätte ich noch kämpfen müssen – oder habe ich zu lange gekämpft?
Die Tatsache, dass eine Entscheidung medizinisch nachvollziehbar oder aus Liebe getroffen wurde, schützt uns nicht vor diesen Fragen und Schuldgefühlen, denn Trauer ist kompliziert und alles andere als logisch.
Wir können gleichzeitig erleichtert sein, dass das Leiden vorbei ist, und uns für dieses Gefühl schuldig fühlen und verzweifelt darüber, dass dieses Wesen nicht mehr da ist. Wir können wissen, dass eine Entscheidung richtig war, und uns trotzdem schuldig fühlen. Wir können zum ersten Mal wieder lachen und im nächsten Moment weinen oder uns unmittelbar danach fragen, ob wir überhaupt schon lachen dürfen.
Wenn Trauer gesellschaftlich nicht anerkannt wird
Der Trauerforscher Kenneth Doka prägte für Verluste, deren Trauer gesellschaftlich nicht ausreichend anerkannt wird, den Begriff „disenfranchised grief“ – entrechtete beziehungsweise nicht anerkannte Trauer. Und die Trauer nach dem Verlust seines geliebten Tieres ist dafür fast ein Paradebeispiel, denn ein Mensch verliert gerade eines der wichtigsten Wesen seines Lebens – und gleichzeitig bekommt er vermittelt: Du darfst traurig sein, aber bitte nicht SO traurig. Und bitte nicht SO lange. Du darfst fehlen, aber nicht auf der Arbeit. Du darfst weinen, aber besser nicht vor anderen Menschen. etc.
Diese gesellschaftliche Reaktion ist nicht neutral. Sie kann die Trauer verschärfen, weil zusätzlich zum Verlust Scham, Isolation und das Gefühl entstehen, sich rechtfertigen zu müssen.
Aber im Grunde beginnt diese Nicht-Anerkennung meist schon viel früher. Wer sein Tier zu Lebzeiten als Familienmitglied bezeichnet, von Katzenkindern spricht oder wichtige Entscheidungen im eigenen Leben an den Bedürfnissen dieses Wesens ausrichtet, bekommt nicht selten zu hören, dass das „übertrieben“ sei. Besonders Katzenhalterinnen müssen sich dann infantile Häme meist von Männern anhören, die glauben, sie könnten Katzenhalterinnen mit ihrem geistigen Durchfall wie Cat Lady & Co. herabwürdigen, beleidigen oder verletzen. Deshalb an dieser Stelle ein besonderes FUCK YOU! an diese kognitiv und emotional unterentwickelten Kurts, Dieters, Haralds, Ronnys, Thomas, J. D. Vances und Maiks dieser Welt. Wenn wir also die Beziehung schon zu Lebzeiten nicht ernst nehmen, wie sollen wir dann ihren Verlust verstehen?
Wenn Trauer kleingeredet wird, verschwindet sie deshalb noch lange nicht. Der Mensch trauert dann einsam im Verborgenen.
Worte schaffen Wirklichkeit
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick nach Südkorea, denn dort lässt sich ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel im Mensch-Tier-Verhältnis inzwischen an Sprache, Forschung, öffentlicher Kommunikation und ganz konkreten institutionellen Strukturen beobachten.
In Korea hat sich der Begriff 반려동물 (banryeodongmul) etabliert, international meist als „companion animal“ übersetzt. 반려 (banryeo) bedeutet sinngemäß Gefährte beziehungsweise Lebensbegleiter. Für mich liegt genau darin eine interessante Verschiebung. Nicht weg vom Tiersein – ein Companion Animal bleibt ein Tier. Sondern weg von der Vorstellung, dass seine Bedeutung vor allem darin liegt, dass ein Mensch es besitzt oder hält. „Pet“ beschreibt eine Kategorie. „Companion“ beschreibt eine Beziehung. Und „Familienmitglied“ beschreibt den Platz, den dieses Individuum im eigenen Leben einnimmt.
Dass diese Beziehung in Südkorea schon länger wissenschaftlich thematisiert wird, zeigt auch die Arbeit von Mo aus dem Jahr 2015. Dort werden Companion Animals ausdrücklich als Familienmitglieder und enge Freunde beschrieben – und gleichzeitig wird thematisiert, dass die Trauer nach ihrem Tod gesellschaftlich häufig nicht ausreichend anerkannt wird.
2021 wurde dieser sprachliche Wandel auch auf staatlicher Ebene sichtbar. Das südkoreanische Kulturministerium und das National Institute of Korean Language führten im Rahmen eines Programms zur koreanischen Übertragung von Fremdwörtern 반려동물 상실 증후군 – sinngemäß „Companion Animal Loss Syndrome“ – als koreanische Alternative zu „pet loss syndrome“ ein. Das ist keine medizinische Diagnose und auch keine staatliche Anerkennung einer neuen Krankheit. Aber ich finde es gesellschaftlich trotzdem bemerkenswert: Ein Schmerz, für den vielen Menschen lange überhaupt die Sprache gefehlt hat, bekommt plötzlich einen öffentlich verwendbaren Namen. Noch deutlicher wird es, wenn man nach Seoul schaut. Dort wurde die Prävention und Linderung des „Companion Animal Loss Syndrome“ 2024 ausdrücklich in die Tierschutzverordnung aufgenommen. Die Verordnung beschreibt damit verbundenes psychisches Leiden nach Tod oder Verschwinden eines Companion Animals unter anderem über starke depressive beziehungsweise negative kognitiv-emotionale Veränderungen. Kommunale Animal Welfare Support Centers können entsprechende Unterstützungsangebote übernehmen, und Stadt beziehungsweise Bezirke können solche Maßnahmen finanziell unterstützen. In Ansan taucht Pet Loss inzwischen sogar innerhalb der kommunalen Mental-Health-Strukturen auf. Die Stadt führt ein „Pet Loss Syndrome Psychological Support Program“, über das unter anderem Bildungsangebote und psychologische Beratung nach dem Verlust eines Companion Animals angeboten wurden. Und in Paju ging die Entwicklung 2026 noch einen Schritt weiter. Dort wurde eine eigene kommunale „Pet Loss Syndrome Recovery Support Ordinance“ geschaffen. Schon in der politischen Begründung dafür wird ausdrücklich beschrieben, dass sich die Wahrnehmung von Companion Animals verändert hat: weg vom Tier zur Unterhaltung, hin zu Familie und Lebensbegleitung.
Entsprechend, so die Begründung, müsse sich auch moderne Tierwohlpolitik von der reinen Sicherung des Überlebens hin zur Fürsorge für die Mensch-Tier-Bindung entwickeln. Die Verordnung wurde im Januar 2026 vom Stadtrat einstimmig beschlossen und im Februar amtlich veröffentlicht. Interessant finde ich dabei auch, dass diese Entwicklung keineswegs widerspruchslos verlief. In der Beratung gab es zunächst Vorbehalte, ob psychologische Trauerbegleitung überhaupt Aufgabe klassischer Tierwohlpolitik sein sollte. Und genau darin zeigt sich für mich ebenfalls gesellschaftlicher Wandel: Ein Thema, das früher vollständig als Privatsache gegolten hätte, wird überhaupt erst öffentlich verhandelt.
DAS ist gesellschaftliche Durchdringung.
Und genau das fehlt uns vielerorts noch: Wir reden selbstverständlich von Tierbesitzern und Haustieren, während gleichzeitig Millionen Menschen ihre Tiere als Familie erleben. Worte allein ändern keine Wirklichkeit. Aber wenn sich die Worte einer Gesellschaft verändern, ist das oft ein Hinweis darauf, dass ihre alten Begriffe nicht mehr ausreichen und zeigen einen sich vollziehenden Paradigmenwechsel an.
Der einzige Weg aus der Trauer ist durch die Trauer
Was definitiv nicht hilft: möglichst schnell aufhören zu trauern. Trauer ist keine Krankheit, die man möglichst effizient „wegbehandeln“ muss. Sie ist zunächst die natürliche Antwort auf einen Verlust. Und die Aufgabe besteht nicht darin, das verstorbene Wesen aus dem eigenen Inneren zu löschen oder Trauer und Schmerz um jeden Preis zu vermeiden, denn das ist der Preis für unsere Liebe. Und es geht auch gar nicht darum, seine geliebte Katze irgendwann vollständig „loszulassen“. Vielmehr geht es darum, einen Weg zu finden, wie diese Beziehung in veränderter Form Teil unseres Lebens bleiben kann, ohne dass der Schmerz alles andere überdeckt.
Was hierbei helfen kann, ist wie wir Menschen und die Trauer selbst sehr individuell:
- der Trauer überhaupt Raum zu geben, statt sie aus Scham zu verstecken
- über das Tier zu sprechen und seinen Namen weiter auszusprechen
- Fotos, Videos, Fell, Pfotenabdrücke oder andere Erinnerungen bewusst aufzubewahren
- einen Abschied, eine Beerdigung, eine Einäscherung oder ein persönliches Ritual zu gestalten
- einen Erinnerungsort zu schaffen, einen Baum zu pflanzen oder ein Album anzulegen
- Schuldgedanken nicht allein im Kopf kreisen zu lassen, sondern die damalige Situation mit einem verständnisvollen Gegenüber noch einmal realistisch zu betrachten oder aufzuschreiben
- Menschen zu suchen, die die Bindung verstehen – online oder offline, in Trauergruppen, bei Katzenexperten, Tierärzten, Beratungsstellen oder spezialisierten Fachpersonen
- sich Zeit zu lassen, bevor über einen neuen tierischen Gefährten entschieden wird.
Und eine „neue Katze“ ist kein Ersatz. Wie könnte sie? Wenn wir Tiere wirklich als Individuen verstehen, ergibt schon die Vorstellung von „Ersatz“ keinen Sinn. Eine neue Katze ersetzt die verstorbene Katze genauso wenig, wie ein neuer Mensch einen verstorbenen Menschen ersetzt. Es entsteht eine andere Beziehung zu einem anderen Individuum.
Professionelle Hilfe?
Der eine räumt am selben Tag alles weg, weil er den Anblick nicht erträgt. Der andere kann die Decke monatelang nicht waschen. Der eine braucht irgendwann wieder ein Tier im Leben. Der andere kann sich das nie wieder vorstellen. Es gibt nicht DEN einen richtigen Weg.
Und Unterstützung bei der Trauerbewältigung zu brauchen bedeutet nicht, dass jemand „zu sehr“ geliebt oder „falsch“ trauert. Es bedeutet nur, dass das Gewicht gerade zu schwer geworden ist, um es ganz allein zu tragen. Fachkundige psychologische oder therapeutische Hilfe ist sinnvoll, wenn ein Mensch über längere Zeit kaum schlafen, essen oder arbeiten kann, in massiven Schuld- oder Selbstvorwürfen feststeckt, traumatische Bilder nicht loswird, sich immer stärker isoliert oder das eigene Leben nicht mehr lebenswert empfindet. Deshalb braucht es auch hier einen gesellschaftlichen Wandel und psychologisches Fachpersonal sollte „Pet Loss“ nicht als Nebensächlichkeit behandeln.
Lee Kang-hee, damals Leiter des Bereichs Mental Health Services am südkoreanischen National Center for Mental Health, schrieb 2022 in einem Kolumnenbeitrag auf dem National Mental Health Information Portal, dass Menschen nach dem Verlust eines Companion Animals psychologisch-emotionale Unterstützung brauchen können und dass auch Therapeutinnen, Therapeuten und Beratende dieses Phänomen verstehen sollten. Das war keine offizielle Stellungnahme des National Center for Mental Health.
Aber die Tatsache, dass ein Fachmann dieser Institution in einem Land wie Korea das Thema dort öffentlich behandelt, zeigt, dass die Trauer um tierische Gefährten längst nicht mehr nur in privaten Wohnzimmern stattfindet.
In unserer Gesellschaft muss sich sehr viel ändern
Und der erste Schritt wäre dabei so einfach: Wir müssen aufhören, anderen Menschen vorzuschreiben, welchen Platz ein Tier in ihrem Leben haben darf. Wir brauchen keine Welt, in der jeder Tiere auf dieselbe Weise liebt. Wir brauchen eine Gesellschaft, die versteht und anerkennt, dass Beziehung individuell ist und dass Respekt nicht voraussetzt, dieselbe Beziehung selbst zu führen.
Dazu gehören für mich mehrere Ebenen, wie z. B.
- Sprache – Denn wenn wir sogar im Tierschutz noch ausschließlich von Besitzern, Haustieren und Ersatz sprechen, bleibt Beziehung unsichtbar. Begriffe wie Katzenhalter, „tierisches Familienmitglied“, „Gefährte“ oder „Companion Animal“ verändern nicht automatisch die Welt – aber sie können eine Wirklichkeit sichtbar machen, die nicht geleugnet werden kann.
- Tiermedizin – Tierarztpraxen und Kliniken begleiten nicht nur einen Patienten, sondern oft eine Beziehung. Gute Kommunikation vor, während und nach Euthanasie, Informationen über Trauer und ein respektvoller Abschied gehören für mich zu guter Medizin dazu … Voraussetzung dafür ist der Respekt vor dem Patienten als Jemand und nicht als Besitz von Kunden.
- Psychische Gesundheitsversorgung – Therapeutinnen, Ärzte und Beratungsstellen sollten Pet Loss kennen und ernst nehmen, statt Menschen erst erklären zu lassen, warum der Tod ihrer Katze oder ihres Hundes „wirklich schlimm“ war. Und da man sie inzwischen überall auf Social Media antrifft, kann genau hier begonnen werden, die Trauer über den Verlust des Tieres zu normalisieren.
- Arbeitswelt – Ein Mensch kann morgens sein tierisches Familienmitglied in den Tod begleiten und nachmittags nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen. Ich fordere nicht Trauerurlaubstage, aber das Mindeste wäre, eine flexible Regelung nach einem Tierverlust nicht als lächerliche Sonderbehandlung zu betrachten, sondern zumindest diskutierbar zu sein.
Wenn die Katze Grund zum Weiterleben war
Es gibt noch einen Aspekt dieser Beziehung, über den selten gesprochen wird. Für einige Menschen ist ihr Tier nicht nur ein Familienmitglied, das ihr Leben schöner macht, sondern der Hauptgrund, warum sie überhaupt weitermachen. Weil morgens jemand gefüttert werden muss. Weil Medikamente gegeben werden müssen. Weil da jemand wartet. Weil dieses Wesen von uns abhängig ist, in der Vergangenheit für dieses Leben die Verantwortung übernommen wurde und diese ihre Gültigkeit auch in schweren Zeiten nicht verliert.
Ein Tier kann somit für einen einzelnen Menschen sogar DER Grund sein, weiterzuleben. Und wenn ein Wesen für einen Menschen diese Bedeutung hatte, dann verliert er mit seinem Tod möglicherweise nicht nur jemanden, den er liebt, sondern auch eine Aufgabe, einen Lebensrhythmus, ein Stück Identität, Sicherheit oder Sinn. Auch deshalb kann diese Trauer so tief sein.
„Es war doch nur ein Tier.“ – FUCK YOU!
Vielleicht war die Katze diejenige, die neben uns lag, als unsere Beziehung zerbrach. Vielleicht war der Hund da, als ein Familienmitglied starb. Vielleicht war das Kaninchen der Grund, warum wir morgens überhaupt aufgestanden sind. Vielleicht haben wir jahrelang Medikamente gegeben, Nächte auf dem Boden verbracht, Atemzüge gezählt, Blutzucker gemessen, gefüttert, getragen, gekämpft und gehofft. Vielleicht kannte dieses Tier eine Version von uns, die niemand sonst kannte. Es war Familie, ein Zuhause – Liebe. Und dann stirbt dieses Wesen.
Warum sollte unser Körper, unser Herz, unser gesamtes Bindungssystem darauf reagieren, als wäre nichts geschehen?
DAS wäre verrückt!
Die Trauer ist real, weil Bindung real ist. Weil Liebe real ist. Und weil Verlust real ist.
Was ich mir wünsche, ist nicht, dass wir Trauer um Tiere gegen Trauer um Menschen ausspielen. Schmerz ist – genauso wie Liebe – kein Wettbewerb. Niemand muss kleiner leiden, damit das Leid eines anderen groß bleiben darf. Ich verlange von unserer Gesellschaft, dass wir einem trauernden Menschen nicht erklären, wie groß sein Verlust und damit verbundene Schmerz sein dürfen. Dass niemand seine Tränen verstecken muss, weil er sich schämt, weil sich andere peinlich berührt fühlen könnten. Dass Tierärzte, Therapeuten, Arbeitgeber, Freunde und Familien verstehen und anerkennen, dass mit einem Tier JEMAND gestorben ist – mit dem dieser Mensch vielleicht zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre seines Lebens geteilt hat.
Und vielleicht sollten wir deshalb endlich aufhören zu fragen: „Warum trauerst du so sehr um ein Tier?“ Die bessere Frage lautet: „Wer war dieses Wesen für dich?“ Denn darin liegt die Antwort.
Deine Trauer zeugt davon, wie tief du geliebt hast.
Nichts, wofür du dich schämen müsstest.
Und schon gar nichts, wofür andere dich beschämen dürfen!
Dieser Artikel ist all jenen gewidmet, die sich verabschieden müssen, bereits verabschieden mussten und (immer wieder) trauern.
Trauer ist nicht gnädig
Sie kommt und geht ohne Vorwarnung und immer ohne Einladung. Die Trauer über den Verlust von geliebten Seelen. Über die verlorene Zeit, über das Wie am Lebensende, über das schöne Leben, das hätte sein können, aber nicht sein durfte. Über das Leiden, das man ihnen nicht abnehmen konnte, die eigene Hilflosigkeit und vielleicht sogar verratenes Vertrauen und das Wie anderer Menschen.
Sie kommt manchmal sanft und leise und manchmal laut und mit aller Wucht. Oft reißt sie auch Wunden auf und verdunkelt unsere Welt. Sie bleibt so lange, bis wir auch wieder das Licht in der Trauer sehen können. Denn es gibt keinen Schatten ohne Licht, bis wir endlich wieder die Dankbarkeit für die Liebe, das Lachen, die geschenkte Zeit und das Gelernte in unseren Herzen spüren können.
Trauer darf sein … auch Jahre später, denn sie hat kein Verfallsdatum.
