
Und das liegt an der Verhaltensbiologie der Katze und dem Wort „stressfrei“.
1. Katzen sind Mesoprädatoren. Das bedeutet, sie sind kleine Jäger, aber gleichzeitig selbst Beute für größere Fressfeinde. Und deshalb haben sie auch die „Psycho-Logik“ von reaktiven Beutetieren.
2. Katzen sind keine Rudeltiere. Deshalb hat ihnen die Natur keine Konzepte wie Gehorsam, blindes Vertrauen, Sich-Einfügen oder Unterordnung mitgegeben, weil sie diese nicht für ihr Überleben brauchen. Deshalb sind sie auch nicht besonders empfänglich für „menschliche Beruhigungsversuche“ oder das Kommando stillzuhalten.
Kurze Anmerkung: Katzen wird oft vorgeworfen, sie seien treulos und nicht so loyal wie Hunde. Das halte ich für eine egozentrische Interpretation und eine starke Vermenschlichung. Katzen gehen weg, wenn sie schlecht behandelt werden, und versuchen, sich woanders ein besseres Leben zu suchen, während Hunde oftmals bleiben und sich weiter hungern und schlagen lassen.
3. Katzen ziehen ihr Sicherheitsgefühl aus ihrer eigenen „körperlichen Fitness“ sowie aus einer bekannten und vorhersehbaren Umwelt. Dazu gehört Freizügigkeit in ihrem Lebensraum, den sie zudem mehrfach täglich patrouillieren. Viele kennen das Phänomen, wie sehr Katzen – besonders im eigenen Zuhause – unter geschlossenen Türen leiden.
4. Katzen sind in ihrem Überleben auf sich alleingestellt, somit ist die körperliche Unversehrtheit ihres Körpers auch ihr höchstes Gut. Denn sie haben ja keine Gruppe, die sie versorgen oder verteidigen würde, wenn sie verletzt, krank, alt oder zu jung sind. Und jede körperliche Interaktion beinhaltet ein Verletzungsrisiko und stellt somit potenziell eine Gefahr dar. Deshalb sind Katzen sehr vorsichtig in Bezug auf körperliche Interaktionen und sind „selektiv sozial“, Fremden gegenüber zurückhaltend und benötigen stets einen großen Sicherheitsabstand zu potentiellen Gefahren.
(Darum sind übrigens Kätzinnen auch vorsichtiger als Kater, denn als alleinerziehende Mütter müssen sie auch noch ihre Jungen durchbringen.)
5. Die Mehrheit der Katzen lebt als reine Wohnungskatze und ist nicht regelmäßig neuen Menschen oder einer sich verändernden Umwelt ausgesetzt. Dadurch haben sie kaum die Möglichkeit, ein großes Nachschlagewerk an Erfahrungen aufzubauen, auf das sie in unbekannten Situationen zurückgreifen könnten.
6. Viele Katzenhalter erfüllen (noch) nicht die Rolle eines kompetenten, d. h. proaktiv gut informierten und vorbereiteten „Bodyguards“ ihrer Katze. Gründe dafür können Unerfahrenheit, Desinteresse, Unsicherheit, Verantwortungslosigkeit, Bequemlichkeit oder eigene Angst- und Traumaerfahrungen sein. Hinzu kommt oft der Irrglaube, Tierärzte wüssten grundsätzlich alles über Katzen am besten. Das ist nämlich faktisch falsch, da sie Hamster, Wellensittiche, Kaninchen, Meerschweinchen, Hunde und Katzen behandeln und deshalb i. d. R. auch keine Katzenspezialisten sind. Niemand – außer du bist nur ein „Besitzer“ (meine Kunden und Follower wissen, was ich damit meine) – kennt deine Katze so gut wie du, denn sie teilt ihr Leben mit dir. Niemand erlebt sie in den unterschiedlichsten Situationen des Lebens und sieht ihr Verhalten an 365 Tagen im Jahr. Und niemandem liegt sie so sehr am Herzen wie dir. Am Ende des Tages bist du allein für deine Katze verantwortlich – denn deine Katze hat nur dich. Dir vertraut sie. Dich liebt sie.
7. „Normal arbeitende“ Tierärzte sehen täglich viele verschiedene Tiere und Menschen im Fließbandprinzip. Vor allem sind sie auch nur Menschen und arbeiten, um Geld zu verdienen. Sie haben eine Agenda und haben ein Pensum zu schaffen, d. h. sie arbeiten unter Zeitdruck und haben gegebenenfalls eine Geschäftsführung im Nacken, die nur kaufmännische Ziele verfolgt. Manche sind katzenunerfahren, mögen keine Katzen oder haben schlicht wenig Interesse an ihnen – was übrigens keineswegs selten ist.
(Anmerkung: Mit „Erfahrung“ meine ich hier das tatsächliche Zusammenleben mit Katzen und nicht das Behandeln von tausenden Katzen auf dem Behandlungstisch, denn das wäre eine sehr eindimensionale Betrachtungsweise auf ein fünfdimensionales Lebewesen, wie die Katze es ist.)
All diese Faktoren – einzeln oder in Kombination – führen dazu, dass ein „stressfreier Tierarztbesuch“ für Katzen mehr ein Slogan oder Buzzword ist als ein realistisch erreichbares Ziel, denn stressfrei, d. h. Stress = 0,00 ist per Wortdefinition nicht möglich.
Was jedoch sehr wohl möglich ist:
Tierarztbesuche für Katzen können angstfrei, stressreduzierter (low stress), gewalt- und traumafrei sein vorausgesetzt, Katzenhalter, Tierärzte und TFAs sind gleichermaßen willens und fähig, ihren Teil dazu beizutragen. Mit entsprechendem Training sind sie auch völlig zwangsfrei möglich.
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Und wie immer gilt: Ausnahmen bestätigen nur die Regel!
